Wann beginnt ein Kunstwerk zu sprechen?

In meiner Serie Spaces male ich Museen, historische Räume und große Säle. Oft sind es Orte, die viele Menschen kennen oder zumindest wiedererkennen. Sie wurden gebaut, um Kunst zu zeigen, Geschichte zu bewahren und Bedeutung zu vermitteln.

Trotzdem wirken diese Räume auf mich nie vollständig geklärt.

Vielleicht liegt es an den Spiegelungen. Vielleicht an den offenen Türen, den langen Blickachsen oder den Bildern an den Wänden. Oft ist nicht sofort zu erkennen, wo der Raum endet und wo ein anderer beginnt. Man sieht viel, aber man versteht nicht alles.

Genau das interessiert mich.

Ein Museum ist ein Ort, an dem scheinbar alles geordnet ist. Die Bilder haben Titel, Jahreszahlen und feste Plätze. Sie werden beleuchtet, bewacht, beschrieben und fotografiert. Alles scheint zugänglich.

Aber die eigentliche Erfahrung lässt sich nicht ordnen.

Man kann vor einem berühmten Bild stehen und nichts empfinden. Man kann aber auch von einem kleinen Detail plötzlich berührt werden. Ein Blick, eine Farbe oder eine bestimmte Stimmung kann einen treffen, ohne dass man genau erklären kann, warum.

Diese Begegnung lässt sich nicht erzwingen.

In meinen Bildern sind die Kunstwerke an den Wänden deshalb mehr als bloße Ausstattung. Sie stehen den Menschen gegenüber. Manchmal sehen wir Besucher von hinten. Sie betrachten ein Gemälde, während wir selbst diese Szene betrachten. Vielleicht schaut eine Figur aus dem historischen Bild zurück. Dann entsteht eine merkwürdige Situation: Wer betrachtet hier eigentlich wen?

Der Museumsbesucher schaut auf das Kunstwerk. Das Kunstwerk scheint auf den Besucher zu antworten. Und der Betrachter meines Gemäldes steht außerhalb dieser Szene und wird zugleich Teil von ihr.

Mich beschäftigt dabei die Frage, ob ein wirklicher Dialog entsteht.

Heute werden viele Orte sehr schnell wahrgenommen. Man geht durch einen Saal, macht ein Foto, schaut kurz auf das Display und geht weiter. Man besitzt danach ein Bild des Ortes, aber vielleicht keine Erinnerung an die tatsächliche Begegnung.

Das Smartphone ist dabei nicht grundsätzlich das Problem. Es zeigt nur sehr deutlich, wie stark wir versuchen, alles festzuhalten. Wir möchten sichern, speichern und verfügbar machen.

Doch ein Kunstwerk lässt sich nicht vollständig besitzen. Auch dann nicht, wenn es fotografiert, erklärt oder gekauft wurde.

Seine Wirkung bleibt eigenständig.

Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt eine lebendige Beziehung zur Welt mit dem Begriff Resonanz. Gemeint ist damit ein Moment, in dem uns etwas erreicht und wir darauf antworten. Das kann in einem Gespräch geschehen, in der Natur, in der Musik oder vor einem Bild.

Eine solche Erfahrung ist nicht planbar. Man kann einen Raum dafür schaffen, aber man kann sie nicht herstellen.

Dieser Gedanke passt für mich sehr gut zu den Spaces-Bildern. Die Museen und historischen Säle sind Orte, die Begegnungen ermöglichen. Gleichzeitig können sie still, leer und unnahbar wirken. Ein Raum kann voller Kunst sein und trotzdem stumm bleiben.

Oder er kann plötzlich etwas auslösen.

Auch meine Arbeitsweise hat damit zu tun. Ein Foto ist schnell gemacht. Ein Gemälde entsteht langsam. Beim Malen verändert sich der Raum. Manche Dinge werden genauer, andere verschwimmen. Farben verschieben sich, Spiegelungen lösen Formen auf, und aus einem dokumentierten Ort wird etwas Eigenständiges.

Ich versuche nicht, den Raum einfach abzubilden.
Mich interessiert der Moment, in dem er sich verändert und zu einem Gegenüber wird.

Vielleicht handeln die Spaces-Bilder deshalb weniger von bestimmten Museen als vom Sehen selbst. Sie fragen, wie wir Kunst betrachten, wie viel Zeit wir ihr geben und ob wir bereit sind, uns von ihr wirklich erreichen zu lassen.

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Der Betrachter im Bild – Sehen, Distanz und Gegenwart in den Spaces von Lars Reiffers