La présence fragile
Über Blumen, Stillleben und die fragile Präsenz der Dinge
Eine Blume, ein Fisch, eine Spiegelung auf dem Wasser und ein leerer Museumsraum scheinen zunächst wenig miteinander zu tun zu haben.
Und doch verbindet sie etwas.
Sie sind intensiv gegenwärtig und zugleich bereits im Begriff, sich zu verändern.
Diese Spannung beschäftigt mich seit vielen Jahren.
Ich denke dabei häufig an den französischen Ausdruck la présence fragile – fragile Präsenz.
Etwas ist da.
Aber sein Zustand ist nicht dauerhaft.
Blumen
Bei Blumen ist dieser Widerspruch besonders deutlich.
Eine Blume kann gerade dann vollkommen erscheinen, wenn ihre Veränderung längst begonnen hat.
Blüten öffnen sich.
Farben verändern sich.
Blätter verlieren ihre Spannung.
Was wir als einen Moment großer Schönheit wahrnehmen, ist Teil eines fortlaufenden Prozesses.
Das klassische Stillleben hat sich häufig mit dieser Vergänglichkeit beschäftigt.
Mich interessiert dabei weniger eine eindeutige Vanitas-Symbolik als die unmittelbare Erfahrung des Sehens.
Was geschieht, wenn wir einem Gegenstand, dessen Zustand sich ständig verändert, länger Aufmerksamkeit schenken?
Gegenstand und Malerei
Meine Blumenbilder beginnen häufig mit realen Arrangements im Atelier und mit Fotografien.
Blüten, Blätter, Stiele, Glas und Wasser bilden zunächst einen konkreten Gegenstand.
Während des Malens verändert sich dieses Verhältnis.
Eine Blüte wird zu einer Ansammlung von Pinselspuren.
Eine dunkle Fläche verliert ihre Funktion als Schatten und entwickelt eine eigene Farbigkeit.
Spiegelungen unterbrechen die Konturen eines Gegenstandes.
Das Motiv bleibt sichtbar, aber es beginnt sich von seiner eindeutigen Bedeutung zu lösen.
Die Blume ist gleichzeitig Gegenstand und malerisches Ereignis.
Gerade darin liegt für mich ihre Stärke als Motiv.
Stillleben heute
Stillleben gehört zu den ältesten Gattungen der europäischen Malerei.
Der Begriff kann zunächst etwas Historisches oder Abgeschlossenes suggerieren.
Dabei steckt in dieser Form etwas sehr Gegenwärtiges.
Das Stillleben nimmt Dinge aus dem Strom des Alltags heraus.
Ein Gegenstand wird isoliert.
Er wird betrachtet.
Er bekommt Zeit.
Dadurch kann etwas Vertrautes plötzlich fremd werden.
Je länger man einen Gegenstand betrachtet, desto weniger selbstverständlich erscheint er möglicherweise.
Die Malerei verstärkt diesen Prozess.
Sie beschreibt den Gegenstand und destabilisiert ihn gleichzeitig.
Die Dinge
Vielleicht interessiert mich deshalb weniger die klassische Vorstellung des Stilllebens als die Frage nach den Dingen selbst.
Wann wird ein gewöhnlicher Gegenstand zu etwas, das unsere Aufmerksamkeit bindet?
Was geschieht, wenn seine Funktion keine Rolle mehr spielt?
Eine Vase dient im Bild nicht mehr dazu, Blumen zu halten.
Ein Fisch ist nicht mehr Lebensmittel.
Ein Museumsraum ist nicht mehr nur ein Ort, durch den man hindurchgeht.
Durch die Malerei können diese Dinge aus ihrer alltäglichen Verfügbarkeit herausgelöst werden.
Sie beginnen, uns auf andere Weise gegenüberzutreten.
Schönheit und Vergänglichkeit
In der japanischen Ästhetik gibt es den Gedanken des mono no aware – die besondere Empfindsamkeit gegenüber der Vergänglichkeit der Dinge.
Schönheit entsteht dabei nicht trotz ihrer zeitlichen Begrenztheit.
Gerade das Wissen um ihre Veränderlichkeit kann ihre Wahrnehmung intensivieren.
Dieser Gedanke liegt meiner Arbeit mit Blumen näher als die klassische Symbolik des Todes.
Eine Blume ist nicht nur schön und sie ist nicht nur vergänglich.
Ihre Schönheit und ihre Vergänglichkeit lassen sich kaum voneinander trennen.
Malerei als Gegenwart
Ein Gemälde kann diese Vergänglichkeit nicht aufheben.
Die gemalte Blume ist nicht die Blume selbst.
Sie wird nicht konserviert.
Aber die Malerei erzeugt etwas Neues.
Farbe besitzt Gewicht.
Oberfläche reflektiert Licht.
Pinselspuren bleiben sichtbar.
Das Bild besitzt eine körperliche Gegenwart, die unabhängig von seinem ursprünglichen Gegenstand existiert.
Vielleicht ist dies die eigentliche fragile Präsenz, die mich interessiert.
Nicht der Versuch, einen Moment festzuhalten.
Sondern die Möglichkeit, durch Malerei einen neuen Moment entstehen zu lassen.