Malerei, Wahrnehmung und Präsenz

Über Sehen, Fotografie und die langsame Zeit der Malerei

Meine Bilder beginnen mit Dingen, die ich sehe.

Ein Museumsraum. Eine Blume. Ein Fisch. Eine Landschaft. Eine Spiegelung auf dem Wasser.

Diese Verbindung zur sichtbaren Welt ist für meine Arbeit wichtig. Gleichzeitig interessiert mich nicht, einen Gegenstand möglichst genau zu reproduzieren. Das eigentliche Bild entsteht erst während des Malens.

Eine Fotografie kann einen Ausgangspunkt liefern. Sie hält einen Moment fest, isoliert einen Ausschnitt und ordnet Licht und Raum innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde.

Malerei funktioniert anders.

Sie braucht Zeit.

Eine Leinwand entsteht über Stunden, Tage oder Wochen. Farben werden übereinandergesetzt, wieder verändert oder übermalt. Details verschwinden. Andere werden stärker. Ein Bereich, der am Anfang unwichtig erschien, kann im Laufe des Malens plötzlich das Zentrum des Bildes werden.

Dabei verliert die fotografische Vorlage zunehmend ihre Autorität.

Eine Spiegelung wird zu Farbe.

Ein Schatten wird zu Oberfläche.

Räumliche Tiefe verwandelt sich in Fläche.

Das Bild beginnt, eine eigene Realität zu entwickeln.

Sehen ist niemals neutral

Wir nehmen die Welt nicht einfach objektiv auf.

Unser Blick wählt aus.

Wir erkennen Bekanntes. Wir erinnern uns. Wir übersehen Dinge. Erwartungen beeinflussen, was wir wahrnehmen.

Mich interessiert dieser instabile Moment zwischen Sehen und Erkennen.

Ein Fisch ist zunächst eindeutig ein Fisch. Wenn man seine Oberfläche jedoch lange betrachtet, können Schuppen, Lichtreflexe und Farben beginnen, sich vom Körper zu lösen.

Eine Blüte kann aus der Nähe zu einer Ansammlung von Farbflächen und Pinselspuren werden.

In einem Museumsraum entstehen durch Spiegel, Türen, Gemälde und Besucher mehrere Bildebenen gleichzeitig.

Die Dinge bleiben erkennbar und verlieren dennoch einen Teil ihrer Selbstverständlichkeit.

Genau dort beginnt für mich Malerei interessant zu werden.

Die sichtbare Welt als Ausgangspunkt

Stillleben, Landschaft und Interieur gehören zu den ältesten Gattungen der europäischen Malerei.

Ich sehe diese Traditionen nicht als Stile, die wiederholt werden müssen.

Sie sind vielmehr Werkzeuge.

Ein Stillleben erlaubt es, einen einzelnen Gegenstand aus seinem alltäglichen Zusammenhang herauszulösen und ihm Aufmerksamkeit zu geben.

Eine Landschaft stellt die Frage, wie wir Raum, Entfernung und Atmosphäre wahrnehmen.

Ein Museumsinterieur verbindet Architektur, Geschichte, Bilder und die Menschen, die diese Bilder betrachten.

Die historischen Gattungen bieten deshalb bis heute Strukturen, mit denen sich sehr gegenwärtige Erfahrungen untersuchen lassen.

Malerei und Zeit

Wir leben in einer Zeit, in der Bilder fast ohne Unterbrechung produziert und konsumiert werden.

Fotografien, Videos und inzwischen auch künstlich erzeugte Bilder erscheinen innerhalb von Sekunden auf unseren Bildschirmen.

Wir scrollen weiter.

Malerei folgt einer anderen Geschwindigkeit.

Das bedeutet nicht, dass Malerei besser oder authentischer wäre als digitale Bilder.

Aber sie besitzt eine andere zeitliche Struktur.

Ölfarbe hat Gewicht und Widerstand. Sie trocknet langsam. Schichten bleiben sichtbar. Entscheidungen hinterlassen Spuren.

Ein Gemälde trägt die Zeit seiner Entstehung körperlich in sich.

Vielleicht liegt darin heute eine besondere Qualität der Malerei.

Sie verlangt nicht zwangsläufig Langsamkeit vom Betrachter. Aber sie bietet die Möglichkeit dazu.

Präsenz

Viele Motive, zu denen ich immer wieder zurückkehre, sind mit instabilen Formen von Präsenz verbunden.

Eine Blume verändert sich bereits während sie gemalt wird.

Ein Fisch ist dem Wasser entnommen.

Eine Spiegelung verschwindet, sobald sich Licht oder Oberfläche verändern.

Museumsräume bewahren Bilder und Gegenstände aus Zeiten, die längst vergangen sind.

Nichts davon lässt sich wirklich festhalten.

Auch Malerei hält Zeit nicht an.

Sie kann einen Gegenstand nicht vor Veränderung bewahren.

Aber sie kann etwas anderes erzeugen.

Eine gemalte Oberfläche besitzt ihre eigene Gegenwart.

Farbe, Material und Licht stehen tatsächlich vor dem Betrachter.

Vielleicht liegt darin die besondere Möglichkeit der Malerei:

Sie bewahrt nicht die Wirklichkeit.

Sie erzeugt eine neue Form von Präsenz.

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