Resonanz und Malerei
Über Museumsräume, Wahrnehmung und die Möglichkeit einer Beziehung zum Bild
Seit 2016 male ich immer wieder Museen, Paläste und historische Innenräume.
Versailles, der Louvre oder die National Gallery sind zunächst sehr konkrete Orte.
Doch je länger ich an diesen Bildern arbeite, desto weniger geht es mir um Architektur.
Mich interessiert, was in diesen Räumen geschieht.
Menschen begegnen Bildern.
Sie bleiben stehen oder gehen weiter.
Manche Arbeiten werden nur für wenige Sekunden betrachtet. Andere lösen etwas aus, das länger bleibt.
Ein Museum ist deshalb nicht nur ein Raum voller Kunstwerke.
Es ist ein Raum voller Beziehungen.
Räume des Sehens
Museen sind um den Akt des Betrachtens herum organisiert.
Bilder hängen in bestimmten Höhen.
Architektur lenkt Bewegungen.
Rahmen schaffen Grenzen.
Türen öffnen neue Blickachsen.
Besucher treten zwischen Kunstwerk und Raum.
Wenn ich einen Museumsraum male, verändert sich dieses Verhältnis.
Der Ort, an dem normalerweise Bilder betrachtet werden, wird selbst zum Bild.
Man sieht Gemälde innerhalb eines Gemäldes.
Man sieht andere Menschen beim Sehen.
Spiegel erzeugen weitere Räume.
Vergangenheit und Gegenwart überlagern sich.
Mich interessiert dieser Moment, in dem das Sehen selbst zum Thema des Bildes wird.
Resonanz
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt mit seinem Begriff der Resonanz eine besondere Form der Beziehung zur Welt.
Resonanz bedeutet dabei nicht einfach Harmonie oder Zustimmung.
Etwas begegnet uns und erreicht uns.
Wir reagieren darauf.
Und diese Begegnung kann uns verändern.
Entscheidend ist für Rosa, dass eine solche Erfahrung nicht vollständig kontrolliert werden kann.
Resonanz lässt sich nicht erzwingen.
Dieser Gedanke ist für mich im Zusammenhang mit Malerei interessant.
Ein Gemälde kann nicht garantieren, dass ein Betrachter etwas empfindet.
Ein Künstler kann keine bestimmte Reaktion herstellen.
Das Bild kann nur eine Möglichkeit eröffnen.
Verfügbarkeit
Unsere Gegenwart ist stark davon geprägt, Dinge verfügbar zu machen.
Informationen sind jederzeit abrufbar.
Bilder können vergrößert, kopiert, gespeichert und weitergeschickt werden.
Wir können innerhalb weniger Minuten durch Tausende von Bildern navigieren.
Aber die Tatsache, dass etwas verfügbar ist, bedeutet nicht automatisch, dass wir eine Beziehung dazu entwickeln.
Vielleicht liegt darin eine wichtige Qualität der Malerei.
Ein Gemälde lässt sich betrachten, aber nicht vollständig verbrauchen.
Auch nach langer Betrachtung kann etwas offenbleiben.
Eine Farbe verändert sich mit dem Licht.
Eine Oberfläche wirkt aus der Entfernung anders als aus der Nähe.
Ein Detail, das zunächst nebensächlich erschien, kann plötzlich wichtig werden.
Das Bild bleibt teilweise unverfügbar.
Distanz
Museen verstärken diese Erfahrung.
Ein Gemälde hängt vor uns und ist gleichzeitig auf Distanz.
Man darf es nicht berühren.
Ein Rahmen oder eine Absperrung trennt Betrachter und Kunstwerk.
Diese Distanz steht jedoch nicht im Gegensatz zur Nähe.
Gerade durch sie kann eine besondere Form von Aufmerksamkeit entstehen.
In meinen Spaces versuche ich, diese Spannung sichtbar zu halten.
Der Betrachter des Gemäldes befindet sich außerhalb des dargestellten Museumsraumes.
Gleichzeitig führen Perspektive, Licht und Architektur in ihn hinein.
Man bleibt draußen und ist doch beteiligt.
Wann wird ein Raum zu einem Ort?
In diesem Zusammenhang interessiert mich auch der japanische Begriff Ibasho.
Er bezeichnet vereinfacht einen Ort, an dem man sein oder sich zugehörig fühlen kann.
Für meine Arbeit ist daran vor allem eine Frage interessant:
Wann wird ein Raum zu einem Ort?
Architektur allein reicht dafür nicht aus.
Ein Ort entsteht durch Erinnerung, Erfahrung und Anwesenheit.
Museen sind voll von solchen Schichten.
Ein Gebäude besitzt seine eigene Geschichte.
Ein Kunstwerk trägt die Zeit seiner Entstehung in sich.
Jeder Besucher bringt eigene Erinnerungen und Erfahrungen mit.
Im Moment der Betrachtung treffen diese unterschiedlichen Zeiten aufeinander.
Malerei als Möglichkeit
Ich glaube nicht, dass Malerei Resonanz herstellen kann.
Sie kann auch Aufmerksamkeit nicht erzwingen.
Aber vielleicht kann sie Bedingungen schaffen, unter denen eine andere Beziehung zu Bildern möglich wird.
Langsamkeit spielt dabei eine Rolle.
Ebenso Materialität.
Und die Tatsache, dass ein Gemälde nicht sofort alles preisgibt.
Für mich ist ein gutes Bild deshalb kein abgeschlossenes System.
Es beantwortet nicht jede Frage.
Es lässt etwas offen.
Malerei garantiert keine Resonanz.
Sie schafft aber die Möglichkeit einer Beziehung, in der das Bild widerständig, offen und antwortfähig bleiben kann.