Was bedeutet gegenständliche Malerei heute? Zwischen sichtbarer Welt und Abstraktion
Gegenständliche Malerei ist zurück – wobei sie eigentlich nie verschwunden war.
Auch heute malen Künstler Menschen, Landschaften, Räume, Pflanzen oder alltägliche Gegenstände. Doch ein gegenständliches Gemälde versucht längst nicht mehr unbedingt, die sichtbare Welt möglichst genau wiederzugeben.
Die entscheidende Frage ist vielmehr: Was kann Malerei aus der Wirklichkeit machen?
Gerade in einer Zeit, in der wir täglich von Fotografien, Videos und digitalen Bildern umgeben sind, bekommt diese Frage eine neue Bedeutung.
Was ist gegenständliche Malerei?
Gegenständliche Malerei zeigt etwas, das wir aus unserer sichtbaren Welt wiedererkennen können.
Einen Menschen. Eine Landschaft. Einen Raum. Eine Blume.
Damit unterscheidet sie sich zunächst von vollständig abstrakter Malerei.
Doch diese Grenze ist weniger eindeutig, als sie scheint.
Ein gemalter Gegenstand besteht immer auch aus Farbe, Fläche, Licht und Pinselspuren. Je näher wir einem Gemälde kommen, desto stärker kann sich das dargestellte Motiv auflösen.
Aus einem Gesicht werden Farbflächen.
Aus einer Landschaft werden horizontale Linien.
Aus einer Blüte entsteht ein Geflecht aus Farbe.
Gegenstand und Abstraktion sind deshalb keine Gegensätze. Sie können gleichzeitig in einem Gemälde vorhanden sein.
Nach der Abstraktion
Die Geschichte der Malerei im 20. Jahrhundert wurde lange als Gegensatz erzählt: hier die gegenständliche, dort die abstrakte Kunst.
Für viele zeitgenössische Maler ist diese Trennung heute kaum noch wichtig.
Ein Künstler wie Peter Doig malt Landschaften, Figuren und Orte, ohne sie realistisch abzubilden. Fotografien, Erinnerungen und kunsthistorische Bilder werden Ausgangspunkte für Gemälde, in denen Farbe und Atmosphäre mindestens genauso wichtig sind wie das ursprüngliche Motiv.
Bei Michaël Borremans erscheinen Menschen und Gegenstände zunächst beinahe traditionell gemalt. Doch die Situationen bleiben rätselhaft. Die Vertrautheit der klassischen Malerei trifft auf Bilder, deren Bedeutung sich nicht eindeutig entschlüsseln lässt.
Auch Marlene Dumas arbeitet mit erkennbaren menschlichen Figuren. Ihre Malerei zeigt jedoch, wie wenig ein gemaltes Bild mit einer bloßen Wiedergabe von Wirklichkeit zu tun haben muss. Farbe, Material und malerische Entscheidungen verändern das Ausgangsbild grundlegend.
Solche Positionen zeigen, dass zeitgenössische gegenständliche Malerei die Erfahrungen der abstrakten Kunst längst in sich aufgenommen hat.
Warum noch nach der sichtbaren Welt malen?
Diese Frage interessiert mich auch in meiner eigenen Arbeit.
Ich arbeite gegenständlich. Meine Bilder zeigen Museumsräume, Blumen, Fische, Landschaften und andere Motive aus der sichtbaren Welt.
Aber die Wiedererkennbarkeit eines Motivs ist für mich nicht das eigentliche Ziel.
Sie ist der Ausgangspunkt.
Beim Malen beginnt sich das Motiv zu verändern. Licht kann wichtiger werden als ein Gegenstand. Eine Spiegelung kann einen Raum auflösen. Eine Blüte wird zu Farbe. Ein Fischkörper verschmilzt mit dem Wasser. Eine Landschaft beginnt aus wenigen Flächen und Übergängen zu bestehen.
Die genaue Beobachtung führt damit immer wieder an die Grenze zur Abstraktion.
Malerei als Wahrnehmung
Vielleicht liegt darin eine besondere Möglichkeit gegenständlicher Malerei.
Wir glauben zunächst zu wissen, was wir sehen.
Wir erkennen einen Raum, einen Menschen oder eine Blume.
Doch wenn wir länger hinschauen, wird diese Sicherheit instabil.
Farben verändern sich. Konturen lösen sich auf. Dinge treten hervor und verschwinden wieder. Bereiche, die zunächst nebensächlich erschienen, werden plötzlich wichtig.
Malerei kann diesen Prozess sichtbar machen.
Sie zeigt nicht nur einen Gegenstand.
Sie zeigt, wie wir einen Gegenstand sehen.
Die Langsamkeit des gemalten Bildes
Das bekommt in unserer heutigen Bilderwelt eine besondere Bedeutung.
Fotografien entstehen innerhalb eines Augenblicks. Auf dem Smartphone sehen wir in wenigen Minuten Hunderte Bilder. Wir wischen weiter, bevor wir überhaupt genau wahrgenommen haben, was wir gesehen haben.
Malerei funktioniert anders.
Ein Gemälde entsteht langsam.
Während des Malens werden Entscheidungen getroffen, verworfen und verändert. Farbschichten liegen übereinander. Manche Bereiche bleiben sichtbar, andere verschwinden wieder.
Auch das Betrachten kann langsam sein.
Man muss ein Gemälde nicht innerhalb weniger Sekunden verstehen.
Vielleicht ist gerade diese Langsamkeit heute eine Qualität der Malerei.
Die sichtbare Welt als Ausgangspunkt
In meinen verschiedenen Werkgruppen beschäftige ich mich mit sehr unterschiedlichen Motiven.
In Spaces sind es Museumsräume, Kunstwerke und Menschen, die diese Bilder betrachten.
In Flowers werden Blumen und Stillleben zu Untersuchungen über Farbe, Schönheit und Vergänglichkeit.
In Fish verändern Wasser, Bewegung und Spiegelungen die Wahrnehmung des Gegenstandes.
In den Landscapes wird Landschaft durch Licht, Atmosphäre und Erinnerung zu einem malerischen Raum.
Diese Motive unterscheiden sich.
Die malerische Frage dahinter ist jedoch ähnlich:
Was geschieht mit der sichtbaren Welt, wenn sie zu Malerei wird?
Gegenständliche Malerei heute
Gegenständliche Malerei bedeutet heute deshalb nicht, zu einer früheren Form der Kunst zurückzukehren.
Sie kann Fotografie, Film und digitale Bilder ebenso aufnehmen wie die Geschichte der Malerei. Sie kennt die Abstraktion und muss sie nicht mehr überwinden.
Der Gegenstand ist nicht das Ende des Bildes.
Er ist sein Anfang.
Für mich beginnt Malerei genau an diesem Punkt: bei etwas Sichtbarem, das sich während des Malens verändert.
Zwischen Gegenstand und Abstraktion entsteht ein Bild, das nicht nur zeigt, was wir sehen, sondern danach fragt, wie wir sehen.
→ Zur Malerei von Lars Reiffers – Spaces, Flowers, Fish und Landscapes