Der Fisch als Motiv Fische in der zeitgenössischen Malerei – zwischen Bewegung, Farbe und Abstraktion
Fische gehören zu den ältesten Motiven der Kunst. Sie erscheinen in frühen Wandmalereien, in religiösen Darstellungen, in Stillleben und später in der modernen und zeitgenössischen Kunst.
Dabei ist der Fisch ein ungewöhnliches Motiv.
Sein Körper ist vertraut und gleichzeitig fremd. Er bewegt sich in einem Raum, den wir Menschen nur von außen beobachten können. Unter Wasser verändern sich Licht, Farbe und Konturen. Körper erscheinen und verschwinden wieder.
Für die Malerei entsteht daraus ein besonderes Verhältnis zwischen Gegenstand und Abstraktion.
Eine lange Bildgeschichte
Der Fisch besitzt in der europäischen Kunstgeschichte unterschiedliche Bedeutungen.
Im frühen Christentum wurde er zum religiösen Symbol. In den niederländischen Stillleben des 17. Jahrhunderts erscheinen Fische dagegen als Teil einer materiellen Welt: auf Märkten, in Küchen oder auf gedeckten Tischen. Ihre glänzenden Schuppen, feuchten Oberflächen und unterschiedlichen Farben boten Malern Gelegenheit, ihre Fähigkeit zur genauen Beobachtung zu zeigen.
Mit der Moderne veränderte sich das Motiv.
Der Fisch musste nicht länger Träger einer eindeutigen symbolischen Bedeutung sein. Form, Bewegung und Farbe konnten selbst zum Gegenstand des Bildes werden.
Der Fisch in der modernen und zeitgenössischen Kunst
Bei Paul Klee erscheinen Fische immer wieder als geheimnisvolle Wesen einer eigenen Welt. In Bildern wie Fish Magic verbinden sich Pflanzen, Tiere, Zeichen und abstrakte Formen zu einem Raum, der nicht nach den Regeln unserer sichtbaren Wirklichkeit funktioniert.
Auch Henri Matisse beschäftigte sich mit Fischen. In seinen berühmten Goldfischbildern wird das Aquarium zu einem konzentrierten Bildraum aus Farbe, Fläche und Bewegung. Die Fische sind gegenständlich erkennbar und gleichzeitig Teil einer zunehmend autonomen Farbkomposition.
In der zeitgenössischen Kunst hat Damien Hirst den Fisch schließlich auf vollkommen andere Weise verwendet. Tiere und Meereswesen werden bei ihm nicht nur dargestellt, sondern als reale Körper präsentiert. Leben, Tod und die menschliche Vorstellung von Natur werden unmittelbar miteinander konfrontiert.
Diese sehr unterschiedlichen Positionen zeigen, wie offen das Motiv ist.
Ein Fisch kann Symbol sein, Körper, Farbe oder Bewegung. Er kann Leben verkörpern und gleichzeitig an dessen Vergänglichkeit erinnern.
Eine Welt unter der Oberfläche
Mich interessiert am Fisch vor allem seine Verbindung mit einem Raum, den wir nicht vollständig betreten können.
Wasser verändert unsere Wahrnehmung.
Licht wird gebrochen. Farben verändern sich. Konturen verschwimmen. Ein Körper kann für einen Moment deutlich sichtbar sein und kurz darauf beinahe vollständig verschwinden.
Seit 1999 beschäftige ich mich in meiner Werkgruppe Fish immer wieder mit diesem Motiv.
Dabei geht es mir nicht darum, Fische naturwissenschaftlich genau darzustellen. Mich interessiert vielmehr, was mit einem Gegenstand geschieht, wenn er durch Wasser, Licht und Bewegung sichtbar wird.
Zwischen Gegenstand und Abstraktion
Aus der Entfernung erkennen wir einen Fisch.
Aus der Nähe verändert sich das Bild.
Schuppen werden zu einzelnen Farbflecken. Wasser besteht aus Schichten, Spiegelungen und Lichtreflexen. Körper lösen sich an ihren Rändern auf. Manchmal lässt sich kaum noch unterscheiden, wo der Fisch endet und das Wasser beginnt.
Damit entsteht eine Situation, die mich auch in anderen Werkgruppen beschäftigt: Der Gegenstand bleibt erkennbar, aber gleichzeitig beginnt er sich in Malerei aufzulösen.
Die Grenze zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei wird unsicher.
Gerade das Wasser verstärkt diesen Prozess. Es ist selbst nahezu unsichtbar und wird erst durch das sichtbar, was mit Licht und den Dingen in ihm geschieht.
Bewegung festhalten
Ein Fisch steht niemals wirklich still.
Selbst wenn sein Körper für einen kurzen Moment ruhig erscheint, bleibt das Wasser in Bewegung. Licht wandert über die Oberfläche. Spiegelungen verändern sich. Ein anderer Fisch tritt in das Bild und verschwindet wieder.
Malerei versucht dagegen, einen Zustand festzuhalten.
Darin liegt für mich eine interessante Spannung.
Das Gemälde hält etwas an, das eigentlich nicht angehalten werden kann.
Anders als die Fotografie muss es dabei nicht einen einzigen Sekundenbruchteil wiedergeben. Verschiedene Beobachtungen, Bewegungen und Lichtzustände können sich innerhalb eines Bildes überlagern.
Farbe, Licht und Oberfläche
Fische besitzen eine besondere malerische Qualität.
Ihre Körper reflektieren ihre Umgebung. Schuppen können silbern, golden, blau, grün oder beinahe schwarz erscheinen. Gleichzeitig verändert das Wasser jede dieser Farben.
Dadurch entsteht eine komplexe Oberfläche.
Was zunächst wie eine genaue Darstellung der Natur erscheint, wird beim Malen zunehmend zu einer Untersuchung von Farbe.
Ein Rücken kann aus wenigen hellen und dunklen Flächen bestehen. Ein Lichtreflex kann wichtiger werden als die anatomische Form. Wasser und Körper können für einen Moment dieselbe Farbe annehmen.
Das Motiv führt damit immer wieder zurück zur Malerei selbst.
Warum Fische malen?
Vielleicht interessiert mich der Fisch deshalb seit so langer Zeit.
Er befindet sich zwischen zwei Zuständen.
Er ist deutlich sichtbar und gleichzeitig verborgen. Sein Körper ist gegenständlich und kann sich doch beinahe vollständig in Farbe auflösen. Er bewegt sich durch einen Raum, dessen Oberfläche uns gleichzeitig Nähe und Distanz vermittelt.
In meinen Fish-Bildern wird der Fisch deshalb weniger zum Porträt eines Tieres als zu einem Ausgangspunkt für Fragen nach Wahrnehmung, Bewegung und Malerei.
Was sehen wir tatsächlich?
Wo endet der Gegenstand und wo beginnt die Farbe?
Vielleicht liegt genau darin die anhaltende Faszination dieses alten Bildmotivs: Unter der Oberfläche beginnt eine andere Welt.
→ Zur Werkgruppe Fish – zeitgenössische Malerei von Lars Reiffers