Zeitgenössische Landschaftsmalerei Zwischen Beobachtung, Erinnerung und Abstraktion

Landschaften gehören zu den großen Motiven der Malerei.

Über Jahrhunderte haben Künstler versucht, Natur, Licht und Atmosphäre in Bildern festzuhalten. Berge, Wälder, das Meer oder der Himmel wurden dabei nie nur als geografische Orte dargestellt. Landschaftsbilder erzählen immer auch davon, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen.

Aber warum noch Landschaften malen, wenn wir heute jeden Ort innerhalb von Sekunden fotografieren können?

Vielleicht liegt gerade darin eine neue Möglichkeit der Landschaftsmalerei.

Landschaft ist mehr als ein Ort

Ein Landschaftsgemälde zeigt zunächst etwas, das wir kennen.

Einen Horizont. Wasser. Bäume. Wolken. Einen Weg.

Doch Landschaft entsteht nicht allein aus diesen Dingen.

Licht verändert einen Ort innerhalb weniger Minuten. Nebel kann Entfernungen verschwinden lassen. Wasser reflektiert den Himmel. Schatten verbinden einzelne Gegenstände zu großen Flächen.

Unsere Wahrnehmung einer Landschaft verändert sich ständig.

Und wenn wir einen Ort verlassen, bleibt etwas anderes zurück: eine Erinnerung.

Landschaft befindet sich deshalb immer zwischen Beobachtung und Vorstellung.

Von der Landschaft zur Malerei

Spätestens im 19. Jahrhundert wurde diese unmittelbare Wahrnehmung zu einem zentralen Thema der Malerei.

Bei Claude Monet verändert sich dieselbe Landschaft durch Licht, Tageszeit und Wetter immer wieder. Nicht der Ort allein ist das Motiv, sondern die Veränderung des Sehens.

Bei Paul Cézanne wird Landschaft zunehmend zu einer Konstruktion aus Flächen, Farben und Formen. Berge, Häuser und Bäume bleiben erkennbar, gleichzeitig beginnt sich der Raum in Malerei zu verwandeln.

Diese Entwicklung war für die moderne Malerei entscheidend.

Die Landschaft musste nicht mehr einfach abgebildet werden. Sie konnte zum Ausgangspunkt für eine Untersuchung von Farbe und Wahrnehmung werden.

Landschaft nach der Abstraktion

Auch in der zeitgenössischen Malerei spielt Landschaft weiterhin eine wichtige Rolle.

Peter Doig verbindet reale Orte mit Fotografien, Erinnerungen und Bildern aus der Kunstgeschichte. Seine Landschaften wirken vertraut und gleichzeitig fremd. Wasserflächen, Wälder oder einzelne Figuren werden zu atmosphärischen Bildräumen.

Bei David Hockney wird Landschaft dagegen häufig durch intensive Farbe und eine bewusste Veränderung der Perspektive neu organisiert. Seine Bilder zeigen, dass Landschaft nicht nur etwas ist, das vor uns liegt. Sie entsteht aus Bewegung, Erinnerung und unterschiedlichen Blickpunkten.

Andere zeitgenössische Maler gehen noch weiter. Landschaft kann sich so stark in Flächen, Linien und Farbverläufe auflösen, dass die Grenze zur abstrakten Malerei kaum noch eindeutig zu bestimmen ist.

Gerade diese Grenze interessiert mich.

Landschaft als Ausgangspunkt

In meiner Werkgruppe Landscapes arbeite ich mit Landschaften, die ich gesehen, fotografiert oder über längere Zeit beobachtet habe.

Dabei interessiert mich weniger die genaue Beschreibung eines bestimmten Ortes.

Der Ort ist der Ausgangspunkt.

Während des Malens verändert er sich.

Details verschwinden. Andere werden wichtiger. Ein Himmel kann zu einer großen Farbfläche werden. Wasser besteht aus Spiegelungen und horizontalen Bewegungen. Ein Horizont kann das gesamte Bild organisieren.

Die Landschaft beginnt sich von ihrem ursprünglichen Ort zu lösen.

Zwischen Fotografie und Erinnerung

Fotografie spielt dabei eine Rolle.

Sie kann einen Augenblick festhalten: eine bestimmte Lichtstimmung, eine Bewegung des Wassers oder die Form einer Wolke.

Aber ein Gemälde muss diesem fotografischen Augenblick nicht folgen.

Während des Malens kommen andere Erinnerungen hinzu. Farben verändern sich. Teile werden weggelassen oder neu zusammengesetzt. Manchmal entsteht eine Landschaft, die so in der Wirklichkeit nie existiert hat.

Das Bild befindet sich dann zwischen einem konkreten Ort und einer Erinnerung an diesen Ort.

Diese Distanz interessiert mich.

Denn wir erinnern Landschaften anders, als eine Kamera sie aufzeichnet.

Licht verändert den Raum

Licht gehört für mich zu den wichtigsten Elementen der Landschaftsmalerei.

Es macht Dinge sichtbar und kann sie gleichzeitig verschwinden lassen.

Gegenlicht reduziert einen Baum auf eine dunkle Fläche. Nebel löst einen Horizont auf. Sonnenlicht kann eine Wasseroberfläche in einzelne helle Punkte zerlegen.

Dadurch verändert Licht nicht nur die Stimmung einer Landschaft.

Es verändert ihre Form.

Beim Malen kann daraus ein Punkt entstehen, an dem Gegenstand und Abstraktion kaum noch voneinander zu trennen sind.

Wir erkennen weiterhin Wasser, Himmel oder Vegetation.

Gleichzeitig sehen wir Farbe.

Die Nähe zur Abstraktion

Vielleicht liegt darin eine besondere Qualität der Landschaftsmalerei.

Eine Landschaft besteht ohnehin aus Flächen.

Himmel und Wasser können große horizontale Farbfelder bilden. Wälder erscheinen aus der Entfernung als dunkle Formen. Berge werden zu Silhouetten.

Je länger man hinsieht, desto weniger eindeutig wird die Trennung zwischen Landschaft und abstrakter Komposition.

Das bedeutet für mich nicht, die sichtbare Welt zu verlassen.

Im Gegenteil.

Die genaue Beobachtung der Wirklichkeit kann direkt zur Abstraktion führen.

Warum heute noch Landschaft malen?

Wir verfügen heute über mehr Bilder von Landschaft als jemals zuvor.

Satellitenbilder zeigen jeden Teil der Erde. Smartphones dokumentieren Reisen und Sonnenuntergänge. Soziale Medien produzieren täglich unzählige Bilder spektakulärer Orte.

Malerei kann mit dieser Geschwindigkeit nicht konkurrieren.

Das muss sie auch nicht.

Sie besitzt eine andere Zeit.

Ein Landschaftsgemälde kann aus vielen Beobachtungen entstehen. Aus Fotografien, Erinnerungen, Veränderungen und Entscheidungen während des Malens.

Es zeigt deshalb nicht unbedingt einen bestimmten Augenblick.

Es kann mehrere Zeiten gleichzeitig enthalten.

Landschaft als Erfahrung

Für mich ist Landschaftsmalerei deshalb weniger die Darstellung eines Ortes als die Erinnerung an eine Erfahrung.

Licht, Entfernung, Atmosphäre und Farbe verbinden sich zu einem Bild.

Der reale Ort bleibt darin vorhanden.

Aber während des Malens entsteht etwas Eigenständiges.

Vielleicht liegt genau darin die Aktualität der Landschaftsmalerei: Sie zeigt uns eine Welt, die wir zu kennen glauben, und macht sie für einen Moment wieder fremd.

Zwischen Beobachtung und Erinnerung wird Landschaft zu Malerei.

→ Zur Werkgruppe Landscapes – zeitgenössische Landschaftsmalerei von Lars Reiffers

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Was bedeutet gegenständliche Malerei heute? Zwischen sichtbarer Welt und Abstraktion