Das Blumenstillleben heute Blumen in der zeitgenössischen Malerei – zwischen Schönheit, Vergänglichkeit und Farbe

Blumen gehören zu den ältesten Motiven der Malerei. Über Jahrhunderte wurden sie gemalt, gesammelt und mit Bedeutungen aufgeladen. Sie stehen für Schönheit und Liebe, für Wachstum und Leben – aber ebenso für Vergänglichkeit und Tod.

Gerade dieser Widerspruch macht sie bis heute zu einem interessanten Motiv.

Eine Blume besitzt ihre größte Schönheit nur für kurze Zeit. Sie öffnet sich, verändert ihre Farbe und beginnt schließlich zu verwelken. Ein Gemälde dagegen kann diesen Moment festhalten.

Vielleicht liegt darin einer der Gründe, warum Blumen auch in der zeitgenössischen Malerei immer wieder auftauchen.

Eine lange Geschichte

Besonders im niederländischen Blumenstillleben des 17. Jahrhunderts entwickelte sich die Darstellung von Blumen zu einer eigenen Bildwelt. In aufwendig komponierten Sträußen wurden Pflanzen zusammengebracht, die in der Natur teilweise zu unterschiedlichen Jahreszeiten blühten.

Die Bilder waren Demonstrationen malerischen Könnens. Gleichzeitig erinnerten welke Blätter, Insekten oder herabgefallene Blüten daran, dass Schönheit nicht von Dauer ist.

Später lösten Künstler wie Édouard Manet, Vincent van Gogh oder Henri Fantin-Latour die Blumen zunehmend aus dieser symbolischen Ordnung. Farbe, Licht und die unmittelbare Wahrnehmung wurden wichtiger.

Im 20. Jahrhundert wurde die Blume schließlich auch zu einem Ausgangspunkt für Abstraktion.

Georgia O’Keeffe vergrößerte einzelne Blüten so stark, dass ihre Formen beinahe zu Landschaften wurden. Bei anderen Künstlern wurde die Blume immer stärker zu einer Fläche aus Farbe und Form.

Blumen in der zeitgenössischen Malerei

Auch heute beschäftigen sich Künstlerinnen und Künstler mit Blumen, allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Alex Katz hat Blumen über Jahrzehnte immer wieder gemalt. Seine Darstellungen sind stark vereinfacht. Blüten, Stängel und Blätter werden zu klaren Formen und Farbflächen. Die Blume ist erkennbar und gleichzeitig Teil einer fast abstrakten Komposition.

Bei Marc Quinn bekommt das traditionelle Blumenstillleben eine andere Bedeutung. Für seine großformatigen Blumenbilder kombiniert er Pflanzen und Früchte, die unter natürlichen Bedingungen teilweise gar nicht gleichzeitig oder am selben Ort vorkommen würden.

Die Schönheit des Blumenbildes wird dadurch künstlich. Natur erscheint als etwas, das der Mensch sammelt, verändert und kontrolliert.

Auch bei Jonas Wood tauchen Pflanzen, Vasen und Stillleben immer wieder auf. Seine Gegenstände werden in stark vereinfachte Formen, Linien und Farbflächen übersetzt. Räumlichkeit und Perspektive treten zurück. Das Motiv bleibt erkennbar, beginnt sich aber gleichzeitig in Malerei aufzulösen.

Diese unterschiedlichen Positionen zeigen, wie offen das Blumenstillleben heute geworden ist.

Es kann von Schönheit handeln, von Natur und Künstlichkeit, von Erinnerung oder Vergänglichkeit. Es kann aber ebenso einfach ein Anlass sein, über Farbe und Malerei nachzudenken.

Die Blume als malerischer Gegenstand

Genau diese Offenheit interessiert mich an Blumen.

In meiner Werkgruppe Flowers arbeite ich seit vielen Jahren mit Blumen und Blumenstillleben. Häufig entstehen die Bilder aus realen Arrangements im Atelier. Blumen stehen vor mir, verändern sich während des Malens und beginnen irgendwann zu verwelken.

Dieser zeitliche Prozess gehört für mich zum Motiv.

Gleichzeitig interessiert mich nicht nur die Blume als Gegenstand.

Je länger ich male und je näher ich an das Motiv herangehe, desto stärker verändert es sich.

Blütenblätter werden zu Farbflächen. Zwischenräume werden genauso wichtig wie die Blumen selbst. Licht löst Konturen auf. Einzelne Partien können beinahe abstrakt erscheinen, während andere sehr genau beschrieben bleiben.

Das Bild bewegt sich dadurch zwischen Gegenstand und Malerei.

Schönheit und Vergänglichkeit

Blumen sind unmittelbar schön.

Gerade deshalb besteht bei Blumenmalerei immer die Gefahr des rein Dekorativen. Mich interessiert jedoch der Moment, in dem Schönheit instabil wird.

Eine Blüte ist niemals vollkommen still.

Sie öffnet sich. Sie verändert ihre Form. Blätter sinken nach unten. Farben werden dunkler. Erste Blütenblätter fallen ab.

Während ein Stillleben gemalt wird, verändert sich also genau das, was festgehalten werden soll.

Das unterscheidet die Malerei von einer Fotografie.

Das fertige Gemälde zeigt nicht unbedingt einen einzigen Augenblick. In ihm können verschiedene Zustände einer Blume gleichzeitig vorhanden sein.

Farbe wird zum eigentlichen Ereignis

Je länger ich mich mit Blumen beschäftige, desto stärker interessiert mich deshalb die Farbe selbst.

Das Rot einer Blüte ist nicht einfach rot. Im Licht kann es orange erscheinen, im Schatten beinahe violett oder schwarz. Weiß kann aus Blau, Grün, Rosa und Gelb bestehen.

Die genaue Beobachtung führt damit paradoxerweise in Richtung Abstraktion.

Aus einer gewissen Entfernung erkennen wir einen Blumenstrauß.

Gehen wir näher an das Gemälde heran, sehen wir etwas anderes: Pinselspuren, Übergänge, Schichten und Flächen aus Farbe.

Das Motiv beginnt sich aufzulösen.

Und genau dort wird das Blumenstillleben für mich zu einem zeitgenössischen Thema.

Warum Blumen heute noch malen?

In einer Welt, in der jeden Tag Milliarden Bilder entstehen, könnte man fragen, warum man überhaupt noch eine Blume malen sollte.

Vielleicht gerade deshalb.

Malerei verlangsamt das Sehen.

Eine Blume, die vielleicht nur wenige Tage existiert, kann über Wochen zum Gegenstand genauer Beobachtung werden. Aus etwas Alltäglichem entsteht ein Bild, das zwischen einem konkreten Gegenstand und reiner Farbe oszilliert.

Das jahrhundertealte Motiv des Blumenstilllebens wird dadurch nicht einfach wiederholt.

Es wird immer wieder neu betrachtet.

Für mich liegt darin die Aktualität der Blumenmalerei: Schönheit festzuhalten und gleichzeitig zu zeigen, dass sie sich bereits verändert.

→ Zur Werkgruppe Flowers – zeitgenössische Blumenmalerei von Lars Reiffers

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Der Fisch als Motiv Fische in der zeitgenössischen Malerei – zwischen Bewegung, Farbe und Abstraktion

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