Museumsräume in der zeitgenössischen Malerei
Museumsräume in der zeitgenössischen Malerei
Über Bilder, Betrachter und Kunstgeschichte
Museen sind besondere Räume. Wir betreten sie, um Bilder zu betrachten. Gleichzeitig werden wir dort selbst zu Betrachtenden: Wir stehen vor Gemälden, gehen an ihnen vorbei, bleiben stehen, treten näher heran oder betrachten sie aus der Entfernung.
Für die Malerei entsteht daraus eine interessante Situation. Was geschieht, wenn der Museumsraum selbst zum Motiv eines Gemäldes wird? Wenn ein Maler nicht nur ein Kunstwerk zeigt, sondern auch den Raum, in dem es hängt, und die Menschen, die davor stehen?
Dann entsteht ein Bild über das Sehen selbst.
Das Museum als Bildraum
Museumsräume gehören seit Langem zur Kunstgeschichte. Historische Darstellungen von Galerien und Sammlungen zeigten häufig dicht mit Gemälden gefüllte Wände. Sie dokumentierten Besitz, Geschmack und gesellschaftlichen Status.
Das heutige Museum sieht anders aus. Zwischen den Kunstwerken ist Raum entstanden. Weiße oder farbige Wände, große Säle, Durchgänge, Spiegelungen und künstliches Licht bestimmen unsere Wahrnehmung. Auch die Besucher sind Teil dieses Raumes.
In der zeitgenössischen Kunst wird das Museum deshalb nicht mehr nur als Aufbewahrungsort für Kunst interessant. Es wird selbst zum Gegenstand künstlerischer Beobachtung.
Der Fotograf Thomas Struth hat dieses Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter besonders eindrücklich untersucht. In seinen Museumsfotografien begegnen sich historische Gemälde und heutige Besucher. Beide existieren gleichzeitig in einem Bildraum.
Auch in der zeitgenössischen Malerei findet sich dieses Thema.
Der deutsche Maler Tim Eitel zeigt häufig einzelne Menschen in reduzierten Museums- und Ausstellungsräumen. Architektur, große Wandflächen und Figuren bilden stille Situationen. Das Museum wird zu einem Ort der Wahrnehmung und zugleich der Distanz.
Die amerikanische Malerin Sarah McKenzie richtet den Blick stärker auf die Architektur von Museen und Galerien. Ihre Bilder untersuchen die Räume und Strukturen, in denen Kunst präsentiert wird.
Der niederländische Maler Willem van Veldhuizen beschäftigte sich über Jahrzehnte mit Museumsinterieurs. Licht, Böden, Spiegelungen, Architektur und ausgestellte Kunstwerke bilden bei ihm komplexe räumliche Konstruktionen.
So unterschiedlich diese Positionen sind, verbindet sie eine Frage: Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn Kunst nicht isoliert, sondern innerhalb des Museumsraumes dargestellt wird?
Das Bild im Bild
Mich interessiert an Museumsräumen vor allem eine weitere Ebene: das bereits vorhandene Kunstwerk.
In meiner Werkgruppe Spaces, an der ich seit 2016 arbeite, erscheinen Räume des Louvre, von Versailles, der National Gallery und anderer Museen und historischer Orte. In ihnen begegnen sich Gemälde, Architektur und heutige Besucher.
Dabei geht es mir nicht darum, einen Museumsraum möglichst genau abzubilden.
Die vorhandenen Kunstwerke werden Teil eines neuen Gemäldes.
Ein historisches Bild besitzt seine eigene Zeit, seine eigene Geschichte und seinen ursprünglichen Kontext. Davor steht ein Mensch aus unserer Gegenwart. Vielleicht betrachtet er das Werk aufmerksam. Vielleicht läuft er daran vorbei. Vielleicht fotografiert er es mit seinem Smartphone.
Und schließlich entsteht aus dieser Situation ein neues Gemälde.
Es gibt dadurch mehrere Ebenen des Betrachtens: Ein Mensch betrachtet ein Bild. Ich beobachte diese Situation und übersetze sie in Malerei. Später steht wiederum ein Betrachter vor meinem Gemälde.
Bild, Betrachter und Kunstgeschichte treten miteinander in Beziehung.
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Museen sind Orte, an denen verschiedene Zeiten gleichzeitig gegenwärtig werden.
Ein mehrere Jahrhunderte altes Gemälde hängt in einem Raum, durch den heute Menschen gehen. Kleidung, Körperhaltung oder Smartphone gehören zur Gegenwart. Das historische Kunstwerk stammt aus einer vollkommen anderen Welt.
In der Malerei können diese unterschiedlichen Zeiten wieder zu einem einzigen Bildraum werden.
Genau diese Spannung interessiert mich.
Die alten Bilder sind nicht nur Hintergrund. Sie beeinflussen die Menschen, die vor ihnen stehen. Gleichzeitig verändert die Gegenwart unseren Blick auf die historischen Werke.
So entsteht eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen dem gemalten Bild und dem realen Raum.
Malerei über das Sehen
Vielleicht liegt darin für mich die eigentliche Bedeutung des Museums als Motiv.
Meine Spaces sind weniger Bilder über Museen als Bilder über das Betrachten.
Was lässt uns vor einem bestimmten Bild stehen bleiben? Wann entsteht Nähe zu einem Kunstwerk? Wann bleibt Distanz? Warum berührt uns ein Bild, das Jahrhunderte vor unserer eigenen Zeit entstanden ist?
Diese Fragen lassen sich nicht eindeutig beantworten.
Aber Malerei kann einen Moment festhalten, in dem eine solche Beziehung möglicherweise entsteht.
Der Museumsraum wird damit zu einem Ort zwischen den Zeiten – und zu einem Raum, in dem Malerei ihre eigene Geschichte betrachtet.
→ Zur Werkgruppe Spaces – Museumsräume, Betrachter und Bilder im Bild